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Ich muss ehrlich sagen, dass mir der Begriff „High Need Baby“ bis vor einem halben Jahr überhaupt nicht bekannt war. Denn mein erster Sohn war mehr oder weniger, einer von diesen Anfänger-Babys (den Artikel über die Unterschiede, kannst du hier lesen).

Damals waren mein Mann und ich ziemlich stolz, denn wir dachten, es würde an uns liegen… Mann waren wir da noch grün hinter den Ohren!

Und dann kam Sohn Nr. 2. Der zeigte uns gleich woher der Wind weht…

Als bei ihm die Dreimonatskoliken diagnostiziert wurden, sagte ich zu meinem Mann: „Komm, es sind nur drei Monate, dass schaffen wir!“

Aber diese drei Monate fühlten sich wie eine halbe Ewigkeit an und wir fingen schon an Kreuzchen im Kalender zu machen.

Als wir dann endlich die magische Dreimonatsgrenze erreicht hatten, warteten wir sehnlichst auf diesen wunderbaren Tag, dass jetzt die ganze Tortur endlich vorbei sein würde. Aber danach kam einfach… nichts!

Oh doch, es kam was. Und zwar… es wurde sogar noch schlimmer!

In dieser Zeit war ich einfach nur ausgelaugt, erschöpft und völlig verzweifelt. Eigentlich lief ich wie ein Zombie herum und wollte nur noch den Tag irgendwie ÜBERLEBEN.

Da ich keine Antworten auf meine vielen Fragen hatte, suchte ich verzweifelt danach im Internet und kam dann schließlich auf den Namen „High Need Baby“ (Baby mit starken Bedürfnissen).

Als ich die Merkmale las, dachte ich: „Hey, das ist doch mein Sohn. Woher wissen die das“?

Die Merkmale passten wie die Faust aufs Auge. Und zwar jedes einzelne Merkmal…Ich glückliche…

In der Beschreibung stand zwar, dass nicht alle High Need Babys alle zwölf Merkmale haben müssen, aber die meisten davon.

Und ich dachte mir: „Wow, meiner hat alle zwölf… Jackpot!“

Wenn sich das doch wenigstens so anfühlen würde…

 

Der Ursprung von High Need Baby

Der Name „High Need Baby“ wurde von dem Kinderarzt Dr. William Sears in den 90er-Jahren geprägt, nachdem er selbst die Erfahrung gemacht hatte. Sein viertes Kind von acht Kindern war ein High Need Baby und so beschloss er mit seiner Frau, einen passenden Namen für diese besonders herausfordernden Babys zu finden.

Dabei bemerkten sie, dass die meisten High Need Babys die unten beschriebenen zwölf Merkmale aufweisen.

Außerdem kommt das Ehepaar Sears auf den Entschluss, dass dieses ausgeprägte Verhalten mit dem Temperament des Babys zu tun hat und nicht mit der Art und Weise wie sie erzogen werden.

Aus diesem Grund nenne ich diese kleinen starken Persönlichkeiten: „Temperamentvolle Babys“!

Und genau diese 12 Merkmale möchte ich hier gerne anhand meines „High Need Babys“ / „Temperamentvollen Babys“ beschreiben:

 

Die 12 Merkmale

  1. Intensiv: Egal was er macht, das macht er intensiv. Ob er spielt, isst oder mich umarmt, all das macht er mit so einer Intensität, sodass man fast immer aufpassen muss, dass er einen dabei nicht aus Versehen verletzt. Beim Stillen, habe ich schon öfter mal einen heftigen tritt in den Bauch bekommen oder blutige Stellen, da er sich mit aller Kraft mit seinen kleinen Fingerchen in meine Haut reingebohrt hatte. Ruhig neben ihm liegen bleiben, geht nicht ohne einen heftigen Klatscher ins Gesicht zu bekommen. Er muss einfach alles intensiv spüren. Streicheleinheiten sind für ihn eher unangenehm, da es ja nicht intensiv genug ist. Er ist leidenschaftlich in Bezug auf das, was er will und was er nicht will. Er macht seine Bedürfnisse auf eine sehr laute und intensive Weise bekannt, so dass es schon ohrenbetäubend ist. Er schreit zwar laut, aber die schöne Seite ist, dass er auch seine Freude und sein Lachen aus tiefstem Herzen äußert.
  1. Hyperaktiv: Mit hyperaktiv ist keine Diagnose gemeint, sondern einfach der Drang immer in Bewegung sein zu müssen. Seine Muskeln und sein Verstand sind immer in Aktion. Er liegt selten still, auch nicht beim Stillen. Meistens turnt er dabei so heftig herum, dass man meinen könnte, er muss unbedingt während dem Stillen für die Olympiade trainieren. Versuche ich ihn festzuhalten, damit es für mich auch mal gemütlich sein könnte, dann wehrt er ganz vehement meine Hand von sich. Ich darf ihn kaum festhalten und seinen Drang nach Bewegung stoppen, denn sonst kann er richtig wild werden. Schon im Bauch ist mir eigentlich sein Bewegungsdrang und seine Intensität aufgefallen, aber da wusste ich noch gar nicht, wie heftig es wirklich werden würde…
  1. Entleerend/Auslaugend: Er zieht mir meine komplette Energie aus meinem Körper und laugt mich total aus! Er hält mich definitiv auf Trab und lässt mir auch wenig Zeit, um meine Batterien wieder aufzuladen. Da er meistens auch nicht gut schläft, gibt es für mich keine konsistente oder vorhersehbare Auszeit. Er ist definitiv ein 24-Stunden-Baby.
  1. Häufiges Füttern: Er musste ständig gestillt werden, ohne irgendeine Regelmäßigkeit. Da er beim Stillen nicht nur seinen Hunger stillen wollte, sondern auch die Geborgenheit spüren, war er quasi ständig an der Brust, ohne Zeitplan. Oft wollte er stündlich, manchmal aber auch halbstündlich gestillt werden. Mit einem Jahr, stille ich ihn zwar nicht mehr um seinen Hunger zu stillen, aber wenn er gerade zahnt, krank ist oder ein Entwicklungssprung macht, dann wird er wieder ganz weinerlich und sucht die Geborgenheit (an der Brust).
  1. Fordernd: In den ersten sechs Monaten konnte er stundenlang Schreien, ohne Pause. Noch dazu waren seine Schreie, so alarmierend und den ganzen Tag über, so dass ich eigentlich nur noch in Alarmbereitschaft war. Nicht das er mich irgendwie mal vorwarnen wollte mit ein bisschen wimmern oder so… Nein seine Schreie waren immer sofort extrem fordernd, dass man gar nicht anders konnte, als so schnell wie möglich darauf zu reagieren. Wenn ich nicht sofort kam, steigerte er sich dermaßen hinein, dass ich ihn kaum noch beruhigen konnte. Er spürt seine Bedürfnisse zwar immer noch sehr stark, aber er hat sich schon etwas in Geduld geübt (manchmal).
  1. Häufiges Aufwachen: Er schläft in sehr kurzen Abständen und hat auch extreme Schwierigkeiten beim Einschlafen. In den heftigsten Zeiten, wachte er bis zu 15-mal in der Nacht auf. Auch heute noch, wacht er zwischen 5-8-mal auf, je nach Phase auch wieder mehr. Tagsüber hat er noch nie viel geschlafen. Meist nur 30-Minuten am Stück, außer ich hatte ihn getragen (wenn er es wollte) oder wenn ich ihn während dem Schlafen an der Brust lies (aber das wollte ich nicht immer). Er schläft definitiv weniger, als es für sein Alter empfohlen wird. Man könnte meinen, er braucht von allem „mehr“ – außer Schlaf.
  1. Unzufrieden: Egal welche Beruhigungstechniken ich manchmal anwende, wirkt er immer noch mürrisch, unglücklich oder unzufrieden. Es gibt zwar auch mal zufriedene Tage, aber das meistens nicht den ganzen Tag, sondern eher mal ein Vormittag. Immer wenn ich denke: „Oh wow, heute ist er aber gut drauf“. Dann schlägt es meistens kurz danach wieder um. Als er ein Baby war, gab es diese zufriedenen Stunden gar nicht, eher mal „einen Moment lang“. Man war ich hin und weg, als er mich das erste Mal über beide Ohren anlächelte. Ich war ganz verdutzt, dass er das überhaupt kann, denn sonst sah ich ihn nur schreiend oder unzufrieden mit einer runzligen Falte auf der Stirn.
  1. Unberechenbar: Er brauchte immer wieder andere Beruhigungstechniken um sich wohl zu fühlen. Mal mochte er es in der Babytrage getragen zu werden, aber am nächsten Tag schrie er mich an. An einem Tag schlief er ein, wenn ich auf einem Gymnastikball hüpfte, am nächsten Tag wieder nicht. Mal schlief er im Kinderwagen ein und beim nächsten Spaziergang schrie er in der ganzen Nachbarschaft herum, als würde man ihn Foltern. Hin und wieder kann er mal durchschlafen (bis 8 Stunden am Stück) und ist dann in den nächsten Nächten wieder häufiger wach.
  1. Hochsensibel: Er war als Baby sehr sensibel, was seine Umgebung und äußeren Reizen betraf. Er beobachtete ständig die Welt um sich herum, aber er hielt sich am liebsten zu Hause oder in einer ruhigen und vertrauten Umgebung auf. Er erschreckte sich immer sehr leicht und weinte deshalb oft. Selbst wenn er schlief, hörte er jeden Mucks und konnte kaum tief und fest schlafen. Außerdem reagierte er sehr empfindlich auf Unbehagen. Auch heute schafft er es kaum, einzuschlafen, wenn er am Tag viele Dinge erlebt hat oder wenn beim Einschlafen irgendwo Lichtquellen oder unkontrollierte Geräusche sind.
  1. Kann Baby nicht ablegen: Er wollte immer auf meinen Armen sein und getragen werden. Das ist auch heute noch so, aber er kann sich jetzt auch mal für kurze Zeit am Boden beschäftigen (wenn ich neben ihm bin). Mit „nur“ in den Armen halten, reicht aber nicht aus. Ich muss auch dabei immer in Bewegung sein. Irgendwo stillstehen und quatschen geht überhaupt nicht. Auch beim Einschlafen braucht er den nötigen Körperkontakt.
  1. Kein Selbstberuhiger: Er ist auf jeden Fall kein Kind, dass sich (noch nicht) selbst beruhigen kann. Als Baby konnte man ihn mal mit dem Finger im Mund beruhigen, aber das möchte er schon lange nicht mehr. Und seinen eigenen nimmt er nicht. Auch einen Schnuller, wollte er noch nie, denn sonst hätte er sich ja selbst beruhigen können (grins). Als Beruhigung (egal auf was betreffend) bevorzugt er nur mich. Zum Einschlafen, braucht er auch unbedingt Unterstützung. Während sein großer Bruder in der Lage war, friedlich in seinem Bettchen einzuschlafen, muss er sanft gelehrt werden, wie er sich entspannen und selbständig einschlafen kann.
  1. Trennungsempfindlich: Er ist definitiv trennungsempfindlich und möchte den ganzen Tag am liebsten nur mit mir sein. Wenn ich mal nicht da bin, bevorzugt er natürlich auch seinen Vater. Aber es ist schwierig, ihn bei jemandem zu lassen oder ihn sogar von jemand anderem halten zu lassen. Er hängt sehr an mir, da er weiß, dass ich der Mensch bin, der seine Bedürfnisse erfüllen kann.

 

Kurze Geschichte am Rande

Als ich endlich herausfand, dass mit meinem Sohn eigentlich alles in Ordnung ist, er sich einfach nur aufgrund seines Temperaments so heftig verhielt, erzählte ich im Umfeld natürlich davon.

Aber keiner kannte den Begriff „High Need Baby“. Schreibaby aber schon. Hat aber nicht unbedingt damit zu tun.

Na ja egal. Auf jeden Fall traf ich unsere Tagesmutter, die früher auf unseren ersten Sohn aufgepasst hatte.

Sie war die erste die dieses außergewöhnliche Verhalten bei Babys kannte und sagte mir auf französisch (wir leben in Frankreich): „Oh ja, ich kenne diese Babys. Sie werden BABI genannt – Bébé aux besoins intenses“ (Babys mit intensiven Bedürfnissen).

Als ich sie fragte, was sie denn machen würde, wenn ich ihr meinen Sohn zum Babysitten geben würde, sagte sie: „Ich müsste ihn den ganzen Tag tragen, bis er von alleine vor Erschöpfung einschläft. Bisher hatte ich noch kein BABI und wäre auch sehr schwierig mit drei anderen Kindern.“

Dabei grinste sie mich an, als wolle sie mir sagen: „Bitte frag mich nicht, ob ich das mache“.

Oh ja, in dem Moment wurde mir klar, dass es kaum jemanden geben wird, der ihn freiwillig und voller Freude aufnehmen würde (ausser seiner Mama).

Ich bin aber auf jeden Fall dankbar dafür, dass ich durch meine Recherche auf den Namen „High Need Baby“ gestoßen bin. Es hat mir in vielerlei Hinsicht geholfen, mein Kind und sein Temperament besser zu verstehen.

Außerdem gibt es ein besseres Verständnis für die Bedürfnisse dieser Babys und wieviel Energie den Eltern dadurch geraubt wird. Damit wird ganz deutlich klargemacht, dass diese Eltern Unterstützung benötigen und keine Kritik.

*Bitte bedenke, dass nicht alle temperamentvollen Babys / High Need Babys die gleichen Merkmale aufzeigen. Manche zeigen mehr als andere. Dennoch haben sie alle deutliche Ausprägungen des Temperaments.

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